Montag, 1. Juni 2015

Über das Lesen | Gelesen: Die Widerspenstigkeit des Glücks

Die Widerspenstigkeit des Glücks
Schon seit meiner Kindheit war ich immer eine Leseratte. Aber Bücher waren teuer und das Geld (vor allem das Taschengeld) war eher knapp bemessen. So ein Hardcover-Buch für 30 DM gab es dann nur zu besonderen Anlässen, wie zum Geburtstag. Damals ging ich daher viel in Bibliotheken, habe stapelweise Bücher mit nach Hause genommen und eins nach dem anderen verschlungen.
In meinem Studium wurde das Lesen dann zum Programm. Zum Pflichtprogramm. Auch hier gehörte das stapelweise Ausleihen von Büchern aus Bibliotheken dazu, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es sich um wissenschaftliche Literatur handelte. Nach dem Studium machte ich dann erst mal eine Pause vom Lesen, denn viel zu schlecht war mein Gewissen, dass es Primärliteratur gab, die ich für Seminare lesen sollte und mangels Zeit nicht beenden konnte. Außerdem lief das Schreiben meiner Abschlussarbeit nicht wirklich gut und so hatte ich danach permanent Angst davor, auf Bücher zu treffen, die besser zum Thema gepasst hätten, die mehr hergegeben hätten. Die ersten 1-2 Jahre nach dem Studium habe ich daher nur selten und nur ganz leichte unterhaltsame Bücher gelesen. Durch den Herzmann hat sich dann vor 3 Jahren das Blatt zum Glück wieder gewendet. Denn er liest gerne viel und hat mich wieder damit angesteckt. Gemeinsam lesen ist doch schöner als allein. Finde ich. Auch wenn wir einen ziemlich unterschiedlichen Büchergeschmack haben. Wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass ich durch eine, nennen wir es, schicksalhafte Fügung beruflich im Buchhandel Fuß gefasst habe. Und dabei ist es natürlich mehr als praktisch, das ich viel und gerne lese. So bin ich letztens in der Arbeit über eine Neuerscheinung gestolpert, die ich inzwischen schon gelesen habe und gerne hier als erstes Buch im Blog vorstellen möchte.

Seit ich im Buchhandel arbeite, erregen Bücher die vom Buchhandel handeln meine besondere Aufmerksamkeit. So auch "Die Widerspenstigkeit des Glücks" von Gabrielle Zevin*. Der Einstieg des Romans erfolgt aus der Perspektive der Verlagsvertreterin Amelia, die auf die entlegene Insel 'Alice Island' fährt, um dort in der Buchhandlung 'Island Books' die Neuerscheinungen des Verlags vorzustellen. So richtig verkaufen kann sie sich und ihre Bücher aber nicht, denn der Buchhändler A.J. Fikry ist ein griesgrämiger Kerl, der eigentlich nur Interesse an Kurzgeschichten hat und wenig mit Unterhaltungsliteratur anzufangen weiß. Mit einem Perspektivenwechsel auf A.J. Fikry erfährt man, dass der Buchhändler nicht ohne Grund schlecht gelaunt ist, er ist vielmehr melancholisch und deprimiert. Er hat seine Frau, mit der er alles, auch die Buchhandlung und seine Liebe zu Büchern, geteilt hatte, durch einen Autounfall verloren. Seitdem befindet er sich in einem Loch, aus dem er sich nur mit Alkohol und Junkfood wegdenken kann. Doch sein Leben ändert sich, als er eines Tages ein kleines Mädchen namens Maya in seiner Buchhandlung findet. Allein und verlassen, mit einer Nachricht der Mutter, dass sie ihr Kind der Obhut des Buchhändlers überlässt. Zunächst nimmt sich Fikry widerwillig dem Kind an, aber dann gibt ihm Maya neuen Sinn in seinem Leben. Und auch die Verlagsvertreterin Amelia wird noch eine Rolle in seinem Leben spielen. 

Ich hatte zu Beginn des Buches angenommen, dass der Roman hauptsächlich von dem Buchhändler und seiner neue Aufgabe als Vater handeln würde. Aber tatsächlich gibt es im Roman immer wieder relativ große Sprünge in der erzählten Zeit, so dass man eher allgemeine Eindrücke vom Aufwachsen Mayas bekommt. Sie ist zwar bis zum Ende der rote Faden, weil sie diejenige ist, die Fikrys Leben von Grund auf verändert hat, aber dabei wird hauptsächlich Ihre Beziehung zu Büchern und Ihre Aufarbeitung mit Ihrer Vergangenheit thematisiert. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen, aber im Roman geht es nicht nur um die Beziehung zwischen Fikry und Maya, sondern um seinen Neuanfang, wie er sich seinen Mitmenschen wieder öffnet und bereit ist für eine neue Liebe in seinem Leben. Was mir daran besonders gut gefallen hat, ist, dass der Roman aufgrund der Erzählweise bis zum Schluss nicht kitschig wird. Das hat aber auch zur Folge, dass die Emotionalität etwas flachgehalten wird und man sich weniger mit den Figuren identifiziert. Manch anderer Autor hätte hier ohne Probleme einen 600 Seiten Tränendrüsen-Roman kreiert. Emotional hat mich am Ende folgender Satz von Fikry, am meisten bewegt:
"Wir sind das, was wir lieben."
Neben der Familien-/Liebesgeschichte dreht sich in dem Roman vieles um den Buchhandel und das Verlagswesen. Ich denke, dass das Bild des Buchhändlers ganz glaubwürdig dargestellt wird und ich finde es sympathisch, dass Fikry seine Prinzipien hat und nur (oder zumindest hauptsächlich) die Bücher im Sortiment führt, die er selbst für gut befindet. So sagt er am Anfang zu Amelia:
"Was ich außerdem nicht mag, ist Vermanschtes wie literarische Krimis oder literarische Fantasyromane [...]. Ich mag auch keine Kinderbücher, zumal solche mit Waisen, und ich habe keine Lust, meine Regale mit sogenannten Büchern für junge Erwachsene vollzustopfen. Ich mag nichts, was über vierhundert oder unter hundertfünzig Seiten hat. [...]. Ich würde am liebsten keine Serien anbieten, aber der Zustand meiner Brieftasche zwingt mich dazu."
Diese Stelle gefällt mir vor allem deshalb so gut, weil ich selbst den Grat zwischen persönlichem Geschmack, "guter Literatur" und "sich gut verkaufender Literatur" als äußerst schmal empfinde. Letztendlich verbindet die Liebe zu Büchern alle Figuren des Romans. Und so  sprachen mir auch diese Zeilen aus der Perspektive des Verlagsvertreters Jacob Gardner aus der Seele:
"Man stelle sich vor, zu den Leuten zu gehören, die tatsächlich dafür bezahlt werden, über Literatur zu reden! Er würde es auch kostenlos machen, was sein Verleger nicht wissen darf. Er brauchte das Geld."

Mein Fazit:

Die Widerspenstigkeit des Glücks von Gabrielle Zevin ★ ★ ★ ★ ☆

4 Schöne Geschichte für Buchliebhaber
Ein kurzweiliges Lesevergnügen. Süß und rührend aber nicht kitschig. Lesenswert für alle, die gerne Bücher über Bücher lesen.
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